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Netzkollaps auf dem Platz verhindern
Schon auf dem neusten Stand mit dem Dynamic Load Management?
Fortschritt, Luxus, Bequemlichkeit – alles hat seinen Preis. Die Zeiten, als die Stellplätze primär für Beleuchtung und Kühlschränke, die geliebte Kaffeemaschine und vielleicht noch fürs Radio Strom liefern mussten, sind Geschichte, graue Campingvorzeit. Durch den in den letzten Jahrzehnten um ein Vielfaches gestiegenen Strombedarf waren und sind die Betreiber gezwungen, sich technisch an die Veränderungen anzupassen, denn heute fordern ganz andere Kaliber die Sicherungskästen heraus.
Mittlerweile sind die Stromnetze auf Campingplätzen durch die veränderte Verbraucherstruktur aufs Höchste ausgelastet. Nicht nur Luxusreisemobile mit Induktionskochfeldern und leistungsstarken Klimaanlagen, auch die Vollausstattung moderner Standardcaravans und der scheinbar unauffällige Dauerbetrieb von Kühlboxen, Laptops und Smartphones treiben den Energiebedarf massiv in die Höhe. Dazu noch E-Autos und -Bikes, die ebenso immer mehr zum Standard werden. In Spitzenzeiten bei Vollauslastung droht ohne technische Gegenmaßnahmen dann der Netzkollaps.
Jeder Platzbetreiber möchte den steigenden Komfortansprüchen seiner Gäste selbstverständlich gerecht werden, gleichzeitig kommt er auch nicht umhin, eine Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge zu erstellen. Sind hier die physikalischen Grenzen des eigenen Netzanschlusses bereits an der Grenze des Machbaren angekommen? Durch einen klassischen Netzausbau durch den Energieversorger durch Verlegung neuer und dickerer Erdkabel und der Installation größerer Transformatoren wäre dem einerseits entgegenzuwirken. Nachteil: langwierig, bauintensiv, sehr kostenintensiv – die Investitionsbeträge können dabei im fünf- bis sechsstelligen Bereich liegen.
Die Alternative: DLM
Ein intelligentes, dynamisches Lastmanagement (Dynamic Load Management, kurz DLM) bietet hier einen rein software- und steuerungstechnischen Lösungsansatz. Es schützt das Bestandsnetz vor Überlastung, indem es die verfügbare Energie in Echtzeit flexibel verteilt. Aber auch hier gibt es physikalische Herausforderungen. Das Hauptproblem auf Campingplätzen ist nicht der durchschnittliche Stromverbrauch über den Tag verteilt, sondern die Netzlastspitze. Wenn am späten Nachmittag Dutzende Gäste gleichzeitig von Ausflügen zurückkehren, die Klimaanlagen starten, Kaffeemaschinen eingeschaltet werden und parallel mehrere Elektrofahrzeuge mit dem Ladevorgang beginnen, geht die Kurve durch die Decke. Hinzu kommt ein technischer Effekt: Viele motorbetriebene Geräte wie Klimaanlagen oder Kompressorkühlschränke benötigen beim Einschalten für wenige Millisekunden einen sogenannten Anlaufstrom, der das Drei- bis Vierfache der normalen Nennleistung betragen kann. Treffen viele dieser Anläufe zeitgleich zusammen, kann die Hauptsicherung des Platzes auslösen.
Der falsche Weg
Viele Betreiber begrenzen die Stromabgabe pro Stellplatz bisher rein statisch, beispielsweise durch 10- oder 16-Ampere-Sicherungen an den Stromsäulen. Damit kann ein einzelner Stellplatzgast nicht mehr als diesen Wert aus seiner Säule ziehen. Bei Mehrverbrauch fliegt seine Sicherung. Das Problem liegt jedoch am Gesamtanschluss: Hat ein Campingplatz beispielsweise 100 Stellplätze, die jeweils mit 16 Ampere abgesichert sind, liefert der Netzanschluss rein rechnerisch aber nur genug Strom für 50 Plätze gleichzeitig.* Das funktioniert so lange gut, wie die Gäste zeitversetzt verbrauchen. Reizen jedoch zu einer gewissen Tageszeit alle Plätze gleichzeitig ihre erlaubten 16 Ampere aus, kollabiert das Gesamtsystem und die Hauptsicherung des Campingplatzes fliegt – obwohl kein einziger Gast seine individuelle Grenze überschritten hat.
Statisch oder dynamisch: Freie Kapazitäten richtig nutzen
Ein Lastmanagement ist hier zwar genau der richtige Weg, aber ein starr reguliertes System verschenkt Potenzial. Ein solches statisches Lastmanagement würde der Ladeinfrastruktur lediglich einen festen, maximalen Stromwert zuweisen. Die Folge? Selbst wenn der restliche Campingplatz nachts tief schläft, kaum Strom verbraucht und riesige Energiereserven ungenutzt brachliegen, wird das E-Auto künstlich ausgebremst. Ein dynamisches Lastmanagement denkt hier viel schlauer mit: Es misst permanent den echten Gesamtverbrauch des Campingplatzes direkt an der Hauptverteilung. Sekündlich ermittelt das System die Differenz zwischen dem, was der Netzanschluss maximal hergibt, und dem, was der Betrieb im Moment tatsächlich verbraucht. Und genau diese freie Restkapazität wird dann flexibel dorthin geschoben, wo sie gebraucht wird – zum Beispiel direkt in die E-Ladestationen.
Reale Netzkosten senken, Spitzenlasten vermeiden
Ein weiterer Vorteil für den Platzbetreiber ist der finanzielle Aspekt. Ein dynamisches Lastmanagement schützt nicht nur vor Blackouts, die neben unzufriedenen Gästen auch schnell teure Technikereinsätze und Betriebsstörungen nach sich ziehen. Es spart auch bares Geld bei den Betriebskosten. Für gewerbliche Großverbraucher mit einem Jahresstromverbrauch von über 100.000 Kilowattstunden gilt in Deutschland die Pflicht zur viertelstündlichen Leistungsmessung. Der Strompreis für den Betreiber setzt sich in diesem Fall nicht nur aus dem reinen Arbeitspreis pro Kilowattstunde zusammen, sondern beinhaltet auch einen signifikanten Leistungspreis für die Netznutzung. Die Stromnetzzugangsverordnung (StromNZV) regelt hierbei das Abrechnungsverfahren. Die rechtliche Grundlage fasst der Energieversorger MVV in seinem Branchenleitfaden wie folgt zusammen:
„Grundlage für den Leistungspreis ist der höchste 15-Minuten-Mittelwert des gemessenen Strombezugs. Eine kurzfristige Lastspitze – etwa durch gleichzeitiges Anlaufen mehrerer Maschinen – kann so hohe Kosten verursachen, selbst wenn die Jahreslast im Schnitt niedrig ist. Grundsatz: Je höher die Lastspitzen, desto höher die Netzentgelte.“
Ein DLM-System übernimmt hier die Rolle des kaufmännischen Schutzschilds: Droht eine neue Jahreshöchstleistung in einem 15-Minuten-Intervall, regelt die Software die Ladeleistung der angeschlossenen E-Autos temporär herunter (sogenanntes Peak Shaving), um die teure Lastspitze gar nicht erst entstehen zu lassen.
Integration von Photovoltaik und Batteriespeichern
Die Digitalisierung der Strominfrastruktur über ein Lastmanagement bietet auch beste Möglichkeiten für eine wirtschaftliche Eigenstromnutzung. Moderne Systemsteuerungen können problemlos mit platzeigenen Photovoltaikanlagen gekoppelt werden. Produziert die Solaranlage auf den Dächern der Sanitärgebäude zur Mittagszeit einen Überschuss, signalisiert das Lastmanagement den Ladesäulen, die Ladeleistung für die Fahrzeuge exakt um diesen Wert zu erhöhen. Wird zusätzlich ein stationärer Batteriespeicher integriert, kann dieser in den verbrauchsarmen Nachtstunden oder direkt über die Solaranlage geladen werden. In den kritischen Spitzenstunden am Nachmittag speist der Akku dann Energie in das Platznetz ein, um den Netzbezug stabil unter der kritischen Grenze zu halten.
Eichrecht und Abrechnung im Blick behalten
Ohne rechtliche Grundlagen geht es nicht. Wer als Campingplatzbetreiber Strom an Gäste abgibt, sei es am Stellplatz oder an einer zentralen Ladesäule, muss strenge gesetzliche Vorgaben einhalten. Jede Stromsäule, die nach verbrauchten Kilowattstunden abrechnet, muss in Deutschland zwingend mit eichrechtskonformen Zählern (MID-zertifiziert) ausgestattet sein. Beim Aufbau eines dynamischen Lastmanagements muss daher sichergestellt werden, dass die Steuerungsbefehle (das Herunterregeln der Leistung) die Messgenauigkeit der Zähler nicht beeinflussen. Moderne Abrechnungssysteme verknüpfen das Lastmanagement direkt mit der Platzverwaltungssoftware. Der Gast authentifiziert sich per RFID-Karte oder QR-Code, das System teilt ihm je nach Netzlast die maximale Energie zu und bucht den exakten Verbrauch beim Check-out automatisch auf die Gesamtrechnung.
Zwischen Nostalgie und digitalem Fortschritt
So oder so – am Ende zeigt sich, dass die Zeiten, in denen der Strom nur für Kaffeemaschine und Radio reichen musste, endgültig Geschichte sind. Ein ausgeklügeltes, digitales System fängt die neuen „Kaliber“ von heute mühelos ab, was zumindest in diesem Bereich dafür sorgt, dass der Spagat zwischen Tradition und Moderne gelingt und das Thema Strom so für den Betreiber zu einer relativ entspannten Angelegenheit werden kann.
* Beispielzahlen. Mögliche Nutzung oder Überlastung ist abhängig von der Gesamtleistung des Netzanschlusses des Betriebs.