AdobeStock_1997637389
Hummer oder Hering
Warum die Vielfalt des Campings wichtiger ist denn je – und weshalb ein guter Campingplatz nicht für alle dasselbe sein muss
Hinweis: Der Artikel „Hummer oder Hering“ ist in seiner Originalfassung bereits in der Campingwirtschaft | Heute, Heft 2/2022, erschienen. Wir greifen das Thema noch einmal auf, weil es heute aktueller denn je ist. Die Vielfalt der Angebote wächst, die Erwartungen der Gäste werden unterschiedlicher – und die Frage, was einen „guten“ Campingplatz eigentlich ausmacht, wird damit eher komplexer als einfacher.
Camping ist nicht mehr nur Wiese, Parzelle, Sanitär und gut. Das war schon 2022 eine Erkenntnis, heute gilt sie umso mehr. Zwischen Zeltwiese und Luxuslodge, zwischen analoger Rezeption und digitalem Check-in, zwischen Familienanimation und Vogelgezwitscher liegen Welten. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – kann all das Camping sein.
In unserer neuen Ausgabe 5/26 berichtet Morris Mehnert, unser Kolumnist, von seiner Reise zu dreizehn Campingplätzen, bei der er genau diese Vielfalt erlebte: Kein Platz gleicht dem anderen. Manche setzen auf perfekte Organisation, andere auf eine besonders herzliche Atmosphäre. Manche wachsen, investieren und professionalisieren sich, andere bewahren bewusst ihren Charakter. Die einen begeistern mit Technik und Komfort, die anderen mit Ruhe, Natur und Einfachheit. Das führt zurück zu einer Frage, die wir bereits vor einigen Jahren gestellt haben: Hummer oder Hering? Vielleicht lautet die Antwort heute sogar noch deutlicher als damals: Bitte beides!

Die Campingwelt ist bunter geworden
2022 stand der Hummer sinnbildlich für Luxus und Glamping, der Hering für den kleineren Geldbeutel, für Einfachheit und traditionelles Camping. Dazwischen lag – und liegt – eine ganze Welt. Mobilheime, Tiny Houses und Safarilodges gehören ebenso dazu wie die klassische Parzelle, die Zeltwiese oder ein bewusst minimalistischer Naturplatz. Dabei ist die entstandene Vielfalt absolut kein Übergangsphänomen, sondern hat sich mittlerweile als eine der größten Stärken der Campingwirtschaft platziert. Campingplätze können groß oder klein sein, privat geführt oder kommunal, hochmodern oder gewachsen, laut und lebendig oder still und naturnah. Sie können Currywurst anbieten oder regionale Küche, auf Buchungsportale setzen oder die Reservierung persönlich erledigen. Genau diese Gegensätze sind kein Fehler im System. Sie sind das System.
Der Gast ist nicht mehr „der Camper“
Vielleicht ist eine der wichtigsten Veränderungen, dass es den Camper als einheitliche Zielgruppe schon lange nicht mehr gibt. Auf ein und demselben Platz treffen heute Menschen mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen von Urlaub aufeinander. Da steht das große Wohnmobil neben dem kleinen Kastenwagen. Die junge Familie neben dem anspruchsvollen Komfortgast. Menschen, die möglichst wenig brauchen, neben Gästen, die Privatsanitär und eine voll ausgestattete Lodge erwarten.
Diese Bandbreite der Erwartungen ist Chance und Herausforderung zugleich. Denn nicht jeder Platz kann alles für alle sein – und sollte es vielleicht auch nicht. Ein Campingplatz gewinnt nicht automatisch dadurch, dass er möglichst viele Wünsche gleichzeitig erfüllt. Entscheidend ist vielmehr, ob er weiß, für wen er da sein will und was er glaubwürdig und überzeugend leisten kann.
Wann ist ein Campingplatz eigentlich gut?
Genau hier wird es spannend. Denn die Frage, ob ein Campingplatz „gut“ ist, lässt sich nicht losgelöst von seinem Konzept beantworten. Ist ein naturnaher Platz schlecht, weil es dort keine Animation gibt? Ist ein Familienresort weniger authentisch, weil es auf Komfort und Unterhaltung setzt? Oder ist ein kleiner, gewachsener Familienbetrieb schlechter als ein professionell durchorganisierter Ferienpark? Natürlich nicht.
Ein Campingplatz ist nicht deshalb gut, weil er möglichst luxuriös, möglichst digital oder möglichst modern ist. Und auch nicht deshalb, weil er möglichst ursprünglich geblieben ist. Gut ist ein Platz dann, wenn Anspruch, Konzept, Leistung und Realität zusammenpassen. Wenn der Gast bekommt, was der Platz verspricht – und idealerweise noch ein wenig mehr.
Vielleicht liegt ein Teil des Problems im einheitlichen Maßstab
Ein Teil des Problems entsteht möglicherweise genau dort, wo Gäste, Medien, Bewertungsportale und manchmal auch die Branche selbst sehr unterschiedliche Campingplätze mit einem einheitlichen Maßstab bewerten wollen. Was ist wichtiger: perfektes WLAN oder absolute Ruhe? Eine riesige Auswahl an Freizeitangeboten oder die Tatsache, dass Kinder hier noch frei spielen können? Ein digitaler Check-in oder eine persönliche Begrüßung durch den Betreiber? Was ist mit den persönlichen Prioritäten der Gäste?
Natürlich gibt es Grundstandards, über die nicht diskutiert werden muss. Sauberkeit, Sicherheit, ein funktionierendes Angebot und ehrlicher Service gehören dazu. Aber darüber hinaus wird es vielfältig. Ein Campingplatz, der bewusst Minimalismus anbietet, muss nicht plötzlich einen Wellnessbereich bauen, nur weil andere damit erfolgreich sind. Und ein hochwertiger Ferienpark darf Komfort bieten, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen, nicht mehr „ursprünglich genug“ zu sein.

Investieren, aber nicht, weil es gerade alle tun
Der Gedanke aus „Hummer oder Hering“ ist deshalb unverändert aktuell: Nicht jeder Trend passt zu jedem Platz. Investitionen brauchen gute Argumente, fundiertes Wissen und eine realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten. Höhere Übernachtungspreise durch Glamping oder Mietunterkünfte klingen verlockend. Doch ein paar lieblos aufgestellte Tiny Houses machen aus einem Campingplatz noch kein überzeugendes Glampingkonzept. Die höheren Einnahmen können sich schnell als trügerisch erweisen, wenn Lage, Zielgruppe, Infrastruktur und Gesamtkonzept nicht dazu passen.
Umgekehrt ist auch „Wir bleiben einfach so, wie wir sind“ keine Strategie, wenn notwendige Investitionen über Jahre verschoben werden. Minimalismus ist kein Synonym für marode. Digital Detox rechtfertigt kein veraltetes Sanitärgebäude. Auch der Gast, der wenig Schnickschnack sucht, erwartet einen gewissen Standard.
Technologie und Tradition sind keine Gegner
Auch in der aktuellen Kolumne wird deutlich: Moderne Technologie und gewachsene Campingkultur schließen sich nicht aus. Ein traditionsreicher Familienbetrieb kann digital hervorragend aufgestellt sein. Ein moderner Ferienpark kann trotzdem persönlich und herzlich wirken. Die entscheidende Frage lautet nicht: analog oder digital? Sondern: Wo hilft Technik dem Betrieb und dem Gast wirklich? Wenn Digitalisierung Prozesse vereinfacht, Mitarbeitende entlastet und Gästen mehr Freiheit gibt, ist sie sinnvoll. Wenn ein persönlicher Kontakt wichtig für das Erlebnis ist, muss nicht alles automatisiert werden. Auch hier gilt: Das Werkzeug muss zum Konzept passen, nicht das Konzept zum Werkzeug.

Zwischen Taschenrechner und Herzblut
Campingwirtschaft ist Wirtschaft. Das darf man bei aller Romantik nicht vergessen. Investitionen müssen sich rechnen, Preise müssen kalkuliert werden, Mitarbeitende müssen bezahlt und Anlagen erhalten werden. Aber Camping ist eben auch eine Branche, in der Persönlichkeit, Atmosphäre und Gastgeberqualität eine besondere Rolle spielen. In der aktuellen Kolumne steht deshalb eine Frage im Raum, die weit über einzelne Betriebsmodelle hinausgeht: Wie viel Herz und wie viel Taschenrechner braucht die Zukunft der Branche? Die Antwort dürfte nicht „entweder oder“ sein. Ein wirtschaftlich erfolgreicher Platz ohne Seele kann ebenso an Attraktivität verlieren wie ein herzlicher Betrieb, der seine Zahlen nicht im Griff hat. Zukunftsfähig wird vermutlich derjenige sein, der beides zusammenbringt: wirtschaftliche Vernunft und eine klare Haltung dazu, was den eigenen Platz ausmacht.
Hummer UND Hering
Deshalb ist die Antwort auf die alte Frage heute vielleicht eindeutiger denn je: nicht Hummer oder Hering, sondern Hummer und Hering. Die Campingwirtschaft braucht Luxuslodge und Zeltwiese, Familienresort und Naturplatz, Digitalisierung und persönliche Ansprache. Sie braucht große Investitionen dort, wo sie sinnvoll sind, und den Mut, bewusst einfach zu bleiben, wo Einfachheit Teil des Konzepts ist. Die Stärke liegt nicht darin, dass am Ende alle Campingplätze gleich aussehen. Im Gegenteil: Die Branche sollte aufpassen, sich nicht aus Angst vor Trends, Bewertungen oder vermeintlich allgemeingültigen Erwartungen selbst zu vereinheitlichen. Vielleicht ist ein guter Campingplatz am Ende genau der, der nicht versucht, alles zu sein. Sondern der weiß, wer er ist, für wen er da ist und was er seinen Gästen verspricht. Dann kann eine einfache Zeltwiese ebenso überzeugend sein wie eine exklusive Lodge mit Privatbad.
Und eine Investition ist für alle Konzepte weiterhin kostenlos: Sie kostet ein Lächeln und heißt guter Service am Gast. Das war bereits die Schlussfolgerung von „Hummer oder Hering“ – und sie hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren.
Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, wie unterschiedlich Campingplätze heute sein können, findet in der neuen Ausgabe der Campingwirtschaft | Heute die Kolumne von Morris Mehnert. Er hat dreizehn Plätze besucht und greift einige davon stellvertretend auf. Er erzählt von seinen Eindrücken und wie er die unterschiedlichen Herangehensweisen wahrgenommen hat. Diese Beispiele machen deutlich, wie vielfältig die Konzepte, Ansprüche und Wege innerhalb der Campingwirtschaft sein können – und dass es nicht den einen richtigen Weg gibt, Camping gut zu machen.